Bristol 171 Sycamore

Reg. OE-XSY

Mit jedem neuen Fluggerät der Flying Bulls wird die Suche nach einem weiteren, noch nicht verwendeten Superlativ ein kleines bisschen schwerer. Beim jüngsten Mitglied der fliegenden Bullen war es – ausnahmsweise – ganz anders. Der Begriff stand sofort fest: einzigartig. Und zwar nicht wie ihn jedes beliebige Trinkjoghurt für sich beansprucht, sondern in seinem ursprünglichsten Sinne: einmalig. Denn die Sycamore im Hangar‑8 ist weltweit das einzige existierende flugfähige Exemplar dieses Typs!

Ihren Namen hat die Sycamore von der englischen Bezeichnung des Bergahorns. Weshalb? Wer sich die rotierende Bewegung eines vom Baum fallenden Ahorn-Samens vorstellt, weiß warum. Zudem bestehen die Rotorblätter aus australischem Ahornholz – was anfangs größte Bedenken bei Blacky Schwarz, dem Helikopter-Chefpiloten der Flying Bulls, auslöste. Aber der Reihe nach.

Zum Ende des zweiten Weltkriegs startete die Bristol Aeroplane Company in England die Entwicklung eines neuartigen Hubschraubertyps. Unter der Leitung des vor dem zweiten Weltkrieg nach England emigrierten Österreichers Raoul Hafner entstand der erste in Großbritannien gebaute Hubschrauber, dessen Prototyp Mk 1 1947 zum Jungfernflug abhob. 1949 folgte mit der Mk 2 die zweite Version, die nun über fünf Sitzplätze verfügte und mit einem 550-PS-starken englischen Alvis-Leonides-9-Zylinder-Sternmotor ausgestattet war. Der waagrecht liegend eingebaute Motor hinter der Rücksitzbank mag heute zweifellos ein ungewöhnlicher Anblick sein. Für seine Zeit aber war er völlig normal, denn Reihenmotoren konnten bis dato nicht ausreichend gekühlt werden. Ausgestattet wurde die Sycamore mit einem Dreiblatthauptrotor und einem Dreiblattheckrotor, die gemeinsam für einen vibrationsärmeren Lauf und verbesserten Wirkungsgrad sorgen, in der Konstruktion aber deutlich komplexer als Zweiblattrotoren sind. Die komplett aus Holz gefertigten Rotorblätter sind filigrane handwerkliche Meisterwerke. Der Hauptrotor wurde so konstruiert, dass die Blätter beiseite – d.h. in Richtung des Heckauslegers – geklappt werden können. So konnte auf Marineschiffen und im Hangar wertvoller Platz gespart werden.

Hafners Konstruktion wurde zu einem großen kommerziellen Erfolg. Mit seiner hochfesten Rumpfzelle aus Hydronalium (seewasserfeste Aluminiumlegierung), einer Spitzengeschwindigkeit von fast 200 km/h und einer Reichweite von rund 430 km war die Bristol 171 ihrer Zeit weit voraus. Luft- und Seestreitkräfte zahlreicher Länder wurden mit dem Hubschrauber ausgerüstet, später folgten Bestellungen für Seenotrettung und Passagiertransporte.

Das 1957 gebaute Exemplar der Flying Bulls diente als Militärhubschrauber in der deutschen Bundeswehr und wurde 1969 ausgemustert. Über mehrere Umwege gelangte die Maschine in die Schweiz zum Sammler und Hubschrauberenthusiasten Peter Schmidt. Der Besitzer eines Weinguts war es auch, der sich immens ins Zeug legte, sogar eine Sondergenehmigung der Königin von England höchstpersönlich erwirkte, damit die Sycamore die Farben ihrer Herkunft, der Royal Air Force (RAF), sowie die britischen Hoheitszeichen tragen durfte. Die Erlaubnis wurde unter der strengen Auflage erteilt, dass diese Sycamore der RAF immer nur Ehre erweisen dürfte. Kein Wunder, denn in Fliegerkreisen der traditionsbewussten Engländer gilt die Maschine fast als nationales Heiligtum.

Der sehnlichste Wunsch des früheren Eigentümers für seine Sycamore war, dass sie ihre Flugtauglichkeit behalten sollte. Nicht viele Liebhaber kamen dafür weltweit in Frage. Die vertrauensvolle Übergabe an die Flying Bulls erfolgte inklusive eines riesigen Bestands an Ersatzteilen, den der Vorbesitzer über die Jahre akribisch zusammengetragen hatte.

Bei Blacky Schwarz mischte sich zur Freude über das Unikat auch eine gewisse Portion Respekt. Sind die hölzernen Rotorblätter noch sicher und zuverlässig? Ein aufwendiger Test an der TU in Graz sollte Aufschluss geben. Das Ergebnis überraschte alle: Prädikat „wie neu“! Blieb das Erlernen der Flugeigenschaften. Nur: Mittlerweile gibt es keinen flugtauglichen Piloten mehr, der über eine gültige Lizenz für die Sycamore verfügt. Und so stellt die Bristol einen der erfahrensten Helikopterpiloten Europas vor eine Aufgabe, die er sich wohl selbst nicht mehr erträumt hätte: Vor der großen Grundüberholung wird Blacky Schwarz sich die Eigenheiten der Sycamore selbst beibringen müssen. Und die sollen es in sich haben. Der Hubschrauber mit seinem Rotorkreisdurchmesser von 14,8 m gilt als nicht einfach zu fliegender Helikopter. Wem aber sollte dieses Kunststück gelingen, wenn nicht dem frischgebackenen Weltmeister im Freestyle-Helikopterflug?

Presseinformation

Technische Daten

20,6 m / 67,6 ft 14,8 m / 48,6 ft 3,1 m / 10,2 ft
Kennzeichen OE-XSY
Hersteller Bristol Aircraft Ltd.
Baujahr 1957
Werksnummer 13475
Triebwerk Alvis Leonides MK 17302
Leistung 525 PS
Reisegeschwindigkeit 130 km/h / 70 kts
Höchstgeschwindigkeit 205 km/h / 110 kts
Dienstgipfelhöhe 4.880 m / 16.000 ft
Max. Flugdauer ca. 3 h
Tankinhalt 405 l
Reichweite 430 km / 230 nm
Treibstoffverbrauch ca. 130 l/h
Länge Zelle 14,1 m / 46,3 ft
Durchmesser Heckrotor 2,9 m / 9,5 ft
Leergewicht 1.976 kg / 4.356 lbs
Max. Abfluggewicht 2.540 kg / 5.600 lbs
Sitze 1 Pilot / 4 Passagiere
Info Letzte fliegende Sycamore weltweit, 9 Zylinder-Sternmotor liegend eingebaut

Bristol 171 Sycamore

Impressionen zum Hubschrauber

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