Die Herren der Kolben

Viel Faszination, viel Technik: Wenn ein Pratt & Whitney R2800 mit 18 Zylindern und 46 Litern Hubraum 2.100 PS auf den Propeller bringt, lässt das kaum jemanden kalt. Der grummelige Sound und die tiefen Frequenzen bilden die Gehörgangslibido schlechthin – der Dinosaurier unter den Sternmotoren fasziniert schon seit Generationen Piloten, Passagiere und Flugzeugfans.

Damit das so bleibt und so ein Motor zuverlässig und im wahrsten Sinne des Wortes reibungslos läuft, sind Warren Varney, Don Landl und Martin Lösch aus der Motorenabteilung der Flying Bulls rund um die Uhr damit beschäftigt, die Sternmotoren der Flotte zu warten und in Schuss zu halten. Mindestens zwei grundüberholte R2800 liegen allein für die DC-6 auf Lager. Getauscht sind die im Falle eines Falles fix – zwei Mann, zwei Tage und der Neue ist drin.

Zeit spielt eine große Rolle bei der Viermot: Im Sommer ist das Paradepferd der Bullen stark frequentiert und Ausfälle wären sehr ärgerlich. Ein defekter Motor kann dann in Ruhe durchgeschaut werden. Liegt ein komplexerer Fehler vor, wie etwa Probleme an Kurbelwelle oder Pleuel, wird das Aggregat auf eine Palette gepackt und zu Anderson Aeromotive nach Idaho in die USA verschifft. Die haben sich auf die Sternmotoren spezialisiert, sind zertifiziert und verfügen über das umfangreichste Ersatzteillager.

Die meisten Ersatzteile gibt es noch neu nachzukaufen. Bei über 120.000 gebauten Exemplaren wundert das nicht wirklich. Kapitale Schäden sind bei dem Antrieb eher die Ausnahme. Nur alle 2.000 Stunden muss der Motor zur Revision abgebaut werden. Das Grundüberholen der Motorendinosaurier dauert dann schon ein wenig länger. Wenn er dann neuwertig aus Idaho zurückkommt, haben unsere Techniker noch etwa 400 Stunden Arbeit vor sich, bis er einbaufertig ist.

Die Zeit geht für den Anbau der Aggregate und der Peripherie des Motors flöten – jeder Zylinder ist mit einem Abgas- und Zylinderkopftemperatursensor ausgerüstet sowie mit insgesamt 26 Heizelementen versehen, damit Kaltstarts im Winter nicht allzu hart werden. Jeder Zylinder hat eine eigene Heizung, das macht bei einem Motor schon mal 18 Stück, dann kommen noch je vier Heizpacks für den Öltank und vier weitere für das Kurbelgehäuse dazu.

Allein für das Verlegen der Kabelbäume müssen die Techniker eine Woche veranschlagen – pro Motor, versteht sich. Einmal vorbereitet, ist das Wechseln der Motoren dann eher ein Kinderspiel: Angeflanscht mit vier Bolzen, den Schnellverschlüssen für alle Spritleitungen und den Steckverbindern der Kabelbäume ist das kein Aufwand mehr.

Früher habe man bei den Airlines einen Motorwechsel in einer Nacht durchgezogen, so Lösch. Bei den Flying Bulls ist es nicht immer ganz so eilig. Zwei Tage Zeit nimmt man sich dann doch.

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